“Vater, kannst du mir nochmal verzeihen weil ich heute keine Sünde begehe?” – Schleim-Keim
Als Kind hatte ich keine Ambitionen, die Welt in Gut und Böse zu unterteilen. Die Märchen der Gebrüder Grimm waren auch solche für mich. Der König: ein Märchen. Der Fürst: ein Märchen. Die Prinzessin: ein Märchen. Es waren keine Elternteile representativ für diese Werte, für die Autoritäten. Es waren keine Polizei und keine Soldaten, die diese Positionen erfüllen konnten, da wir abgelegen im Wald wohnten. Also blieben auch diese Märchen.
Der Wolf, der war echt. Der Bär, der war echt. Die Tiere und Pflanzen, die waren so echt wie der Hunger, die Kälte und der Durst. Die Dinge, die ich sehen konnte, deren Einfluss, deren Spiel mit mir ein Teil meines Alltags war, die waren echt. Meine Geschwister, die waren echt, und so wie die als heilig verehrten Familienbande in mich hineingeschrieben wurden passierte dies auch mit der Strafe die ich für jedes Vergehen gegen diese aussprach, bzw. für mich behielt. Auch diese sprach ich nicht aus meinem Inneren, sondern aus der Perspektive, die in mich hineingelegt war.
Bewusst und mit Bedacht wählten mein Vater und Meine Mutter die Umstände, denen Wir (Ich und meine Geschwister) ausgesetzt, mit welchen wir umgeben waren. Wohl wissend aber bei weitem nicht wohl wollend gegenüber der Prägung, die durch die gesellschaftliche Sozialisierung passiert. Zum Schutze der Kinder, welchen die Zukunft gehört und die sich selbst gehören sollen. Nicht regiert, dirigiert, geleitet von den Gespenstern der Vergangenheit, dem als Gut empfundenen der Toten, dem als Recht und richtig empfundenen der Verbrecher, die die Welt so hinterlassen haben, wie diese, ihre Kinder sie nun vorfinden müssen.
Gar schrecklich den Magen umdrehen, herbe und bitter aufstossen muss es den Menschen, die der Vergangenheit meiner Familie auf den Grund gehen und sich auf die Details einlassen. Ich werde diese hier nicht erwähnen, aber ich kann die “Unsittlichkeit” nur betonen, verderblich, grausam, kränkend und sogar krank machend, gemein, bösartig und sektiererisch, ausgrenzend, erpressend und mit allen Farben der moralischen Verbote beschmiert wälzten wir uns als Kinder genüsslich in unserer “Unschuld“. Diese Unschuld hat es zu bewahren gegolten, weit über die Kindheit hinaus.
Erst kürzlich stieß ich auf theoretische Auseinandersetzung mit diesem Thema, das mich schon lange begleite. Dieses Konzept der Moral, diese überwiegend präsente Frage dannach, ob denn etwas Gut sei, oder ob es denn nicht dieses Gut sei. Warum wird von mir so viel Menschlichkeit verlangt? Warum dürfen andere sagen, was diese Menschlichkeit ist und warum habe ich nicht die Macht dies selbst zu entscheiden. Warum steht meinem Begriff von Menschlichkeit, der auch das Leid huldigt und genießt, der den Schmerz feiern kann, ein Begriff gegenüber, der so irrational wohltuerisch ist, so utopisch Harmonievoll und vor allem so grenzenlos normativ?
Bernd A. Laska schreibt in drei sorgfältigen Artikeln über die “[…] Negation des irrationalen Über-Ichs […]”:
Reich, der als junger Psychoanalytiker also mit Stirner “alles, das [in mir] über mir ist”, jeden “neuen Herrgott … er mag heissen wie er will”, kompromisslos negierte, akzeptierte natürlich die Ubiquität des Über-Ich als anthropologisches Spezifikum, glaubte aber nicht an den von Freud postulierten, unentrinnbaren Zwang zur ewigen Kontinuität; er glaubte vielmehr, wie zuvor Ferenczi und Gross, an eine gerade durch Freuds psychologische Entdeckungen ermöglichte Umkehr der Entwicklung: zur Befreiung von der Herrschaft des irrationalen Über-Ichs über das Ich des Individuums (samt ihrer gesellschaftlichen Konsequenzen), zur wahren Befreiung des Menschen also, nicht bloss zur formalen im Sinne des Liberalismus.
Schon lange vor Wilhelm Reich [Wikipedia] sprach sich ein gewisser Max Stirner [Wikipedia] sehr ähnlich aus, ich zitiere hier wieder aus einem Text von Laska:
Stirners hier noch “persönlich” genannte Pädagogik — die nota bene wirkliche Sozialisation ermöglichen und blinde Enkulturation (in eine “Sklavenkultur”) verhindern will — ist eine Pädagogik des Unterlassens: keine sog. Charakterbildung, keine Gesinnungsprägung, kein “formelles und materielles Abrichten”. “Nicht das Wissen soll angebildet werden, sondern die Person soll zur Entfaltung ihrer selbst kommen; nicht vom Zivilisieren darf die Pädagogik ferner ausgehen, sondern von der Ausbildung freier Personen, souveräner Charaktere; und darum darf der Wille, der bisher so gewalttätig unterdrückte, nicht länger geschwächt werden […] Man erdrücke [des Kindes] Stolz nicht, seinen Freimut.”
Obgleich ich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit behaupten kann, dass meine Eltern die zitierten Texte nicht kennen habe ich doch den Eindruck, dass die Motivation für den pädagogischen Ansatz meiner Eltern nicht aus einer Laune heraus, sondern ganz im Gegenteil aufgrund einer direkten Auseinandersetzung mit den Praktiker*innen und Theoretiker*innen der 68er Bewegung entstand.
Obwohl und weil meine Eltern beide aus konservativen Haushalten stammen, in denen häusliche, physische und psychische Gewalt und Züchtigung ein gelegentliches Mittel zum durchsetzen der Autorität der Eltern war, setzten sie sich zum Ziel, diese Methode nicht fortzusetzen, sie hatten wohl eine edlere Intention. Aber, nicht zu vergessen, sind auch meine Eltern nicht völlig verschont von ihrer Vergangenheit, so schreibt Laska weiters, Sándor Ferenczi zitierend:
Die bei jedem vorhandenen, verdrängten und durch die Verdrängung im Unbewussten “zu einem gefährlichen Komplex antisozialer und selbstgefährlicher Instinkte” gewordenen “Gedanken und Strebungen” könnten aber nur mit hohem Aufwand, “durch das automatische Wirken gewaltiger Schutzvorrichtungen unterdrückt…werden, [d.h.] mit moralischen, religiösen und sozialen Dogmen.” Diese irrationale Funktionsweise der Steuerung durch “unappellierbare Prinzipien”, argumentierte Ferenczi, sei zum einen ausgesprochen unzweckmässig und unökonomisch; sie bringe zum anderen, sehr viel Seelenqual und geminderte Genussfähigkeit mit sich.
Diese unappelierbare Prinzipien sind auch meinen Eltern anerzogen doch ich vermute, dass die Auseinandersetzung mit der 68er Bewegung und das Untersuchen einer schon vorher bestehenden Unzufriedenheit, sei dies über Theorie oder über gelebte Praxis, zu einem Abbau, einem Hinterfragen dieser geführt hat. Es stellt sich mir jedoch die Frage, was denn geblieben ist, was nicht gesehen wurde. Denn, wieder bei Laska:
Die massenhafte Reproduktion des Irrationalen, so Ferenczi weiter, geschehe durch den normalen Erziehungsprozess: “…ein circulus vitiosus. Das Unbewusste lässt die Erwachsenen ihre Kinder unrichtig erziehen, [so]…dass sogar eine von edelsten Intentionen geleitete, unter den günstigsten Verhältnissen durchgeführte Erziehung” Schaden stifte. Ferenczi schlug deshalb vor: “Der erste und wichtigste Schritt zur Besserung wäre … die Verbreitung der Kenntnisse über die wirkliche Psychologie des Kindes.” Solcherart “Massenaufklärung” würde zur “Korrektur der infantilen Amnesie” führen. Nun käme der zweite Schritt: “Erst die so befreiten Menschen wären dann imstande, einen radikalen Umsturz in der Pädagogik herbeizuführen und hierdurch der Wiederkehr ähnlicher Zustände für immer vorzubeugen.”
Und hier stehe ich nun, meiner Schwester und meiner Mutter bei ihrer gemeinsamen Arbeit, ihrem Erziehen der Kinder der besagten Schwester zusehend, und wünsche mir, dass diese einmal die selben Fragen stellen werden, wie ich. Dass diese Kinder nicht mit einem einzigen Ideal, mit einer fixen Idee die sie fest hält, groß werden sondern voll in Besitz ihrer selbst und bemächtigt, ihre eigenen Handlungen auch als solche zu verstehen. Dass sie Eigner ihrer selbst sind.
