{"id":3897,"date":"2018-05-07T16:00:15","date_gmt":"2018-05-07T16:00:15","guid":{"rendered":"https:\/\/noahsmindfuck.wordpress.com\/?p=3897"},"modified":"2018-05-07T16:00:15","modified_gmt":"2018-05-07T16:00:15","slug":"als-voyeur-beim-radikalen-umsturz-in-der-padagogik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.noahessl.com\/?p=3897","title":{"rendered":"Als Voyeur beim radikalen Umsturz in der P\u00e4dagogik"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>&#8220;Vater, kannst du mir nochmal verzeihen weil ich heute keine S\u00fcnde begehe?&#8221; &#8211; <a href=\"https:\/\/youtube.com\/watch?v=R0BmWvQr93o\">Schleim-Keim<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Als Kind hatte ich keine Ambitionen, die Welt in Gut und B\u00f6se zu unterteilen. Die <strong>M\u00e4rchen<\/strong> der Gebr\u00fcder Grimm waren auch solche f\u00fcr mich. Der K\u00f6nig: ein M\u00e4rchen. Der F\u00fcrst: ein M\u00e4rchen. Die Prinzessin: ein M\u00e4rchen. Es waren keine Elternteile representativ f\u00fcr diese Werte, f\u00fcr die Autorit\u00e4ten. Es waren keine Polizei und keine Soldaten, die diese Positionen erf\u00fcllen konnten, da wir abgelegen im Wald wohnten. Also blieben auch diese M\u00e4rchen.<\/p>\n<p>Der Wolf, der war echt. Der B\u00e4r, der war echt. Die Tiere und Pflanzen, die waren so echt wie der Hunger, die K\u00e4lte und der Durst. Die Dinge, die ich sehen konnte, deren Einfluss, deren Spiel mit mir ein Teil meines Alltags war, die waren echt. Meine Geschwister, die waren echt, und so wie die als heilig verehrten Familienbande in mich hineingeschrieben wurden passierte dies auch mit der Strafe die ich f\u00fcr jedes Vergehen gegen diese aussprach, bzw. f\u00fcr mich behielt. Auch diese sprach ich nicht aus meinem Inneren, sondern aus der Perspektive, die in mich hineingelegt war.<\/p>\n<p>Bewusst und mit Bedacht w\u00e4hlten mein Vater und Meine Mutter die Umst\u00e4nde, denen Wir (Ich und meine Geschwister) ausgesetzt, mit welchen wir umgeben waren. Wohl wissend aber bei weitem nicht wohl wollend gegen\u00fcber der Pr\u00e4gung, die durch die gesellschaftliche Sozialisierung passiert. Zum Schutze der Kinder, welchen die Zukunft geh\u00f6rt und die sich selbst geh\u00f6ren sollen. Nicht regiert, dirigiert, geleitet von den Gespenstern der Vergangenheit, dem als Gut empfundenen der Toten, dem als Recht und richtig empfundenen der Verbrecher, die die Welt so hinterlassen haben, wie diese, ihre Kinder sie nun vorfinden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Gar schrecklich den Magen umdrehen, herbe und bitter aufstossen muss es den Menschen, die der Vergangenheit meiner Familie auf den Grund gehen und sich auf die Details einlassen. Ich werde diese hier nicht erw\u00e4hnen, aber ich kann die &#8220;Unsittlichkeit&#8221; nur betonen, verderblich, grausam, kr\u00e4nkend und sogar krank machend, gemein, b\u00f6sartig und sektiererisch, ausgrenzend, erpressend und mit allen Farben der moralischen Verbote beschmiert w\u00e4lzten wir uns als Kinder gen\u00fcsslich in unserer &#8220;<strong>Unschuld<\/strong>&#8220;. Diese Unschuld hat es zu bewahren gegolten, weit \u00fcber die Kindheit hinaus.<\/p>\n<p>Erst k\u00fcrzlich stie\u00df ich auf theoretische Auseinandersetzung mit diesem Thema, das mich schon lange begleite. Dieses Konzept der Moral, diese \u00fcberwiegend pr\u00e4sente Frage dannach, ob denn etwas Gut sei, oder ob es denn <strong>nicht<\/strong> dieses Gut sei. Warum wird von mir so viel Menschlichkeit verlangt? Warum d\u00fcrfen andere sagen, was diese Menschlichkeit ist und warum habe ich nicht die Macht dies selbst zu entscheiden. Warum steht meinem Begriff von Menschlichkeit, der auch das Leid huldigt und genie\u00dft, der den Schmerz feiern kann, ein Begriff gegen\u00fcber, der so irrational wohltuerisch ist, so utopisch Harmonievoll und vor allem so grenzenlos normativ?<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.lsr-projekt.de\/wrnega.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Bernd A. Laska<\/a> schreibt in drei sorgf\u00e4ltigen Artikeln \u00fcber die &#8220;[&#8230;] Negation des irrationalen \u00dcber-Ichs [&#8230;]&#8221;:<\/p>\n<blockquote><p>Reich, der als junger Psychoanalytiker also mit Stirner &#8220;alles, das [in mir] \u00fcber mir ist&#8221;, jeden &#8220;neuen Herrgott &#8230; er mag heissen wie er will&#8221;, kompromisslos negierte, akzeptierte nat\u00fcrlich die Ubiquit\u00e4t des \u00dcber-Ich als anthropologisches Spezifikum, glaubte aber nicht an den von Freud postulierten, unentrinnbaren Zwang zur ewigen Kontinuit\u00e4t; er glaubte vielmehr, wie zuvor Ferenczi und Gross, an eine gerade durch Freuds psychologische Entdeckungen erm\u00f6glichte Umkehr der Entwicklung: zur Befreiung von der Herrschaft des irrationalen \u00dcber-Ichs \u00fcber das Ich des Individuums (samt ihrer gesellschaftlichen Konsequenzen), <b>zur wahren Befreiung des Menschen also, nicht bloss zur formalen im Sinne des Liberalismus.<\/b><\/p><\/blockquote>\n<p>Schon lange vor Wilhelm Reich [<a href=\"https:\/\/de.m.wikipedia.org\/wiki\/Wilhelm_Reich\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wikipedia<\/a>] sprach sich ein gewisser Max Stirner [<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Max_Stirner\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wikipedia<\/a>] sehr \u00e4hnlich aus, ich zitiere hier wieder aus einem <a href=\"http:\/\/www.lsr-projekt.de\/msnega.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Text von Laska<\/a>:<\/p>\n<blockquote><p>Stirners hier noch &#8220;pers\u00f6nlich&#8221; genannte P\u00e4dagogik &#8212; die <i>nota bene <\/i><b>wirkliche Sozialisation erm\u00f6glichen und blinde Enkulturation (in eine &#8220;Sklavenkultur&#8221;) verhindern<\/b> will &#8212; ist eine <b>P\u00e4dagogik des Unterlassens:<\/b> keine sog. Charakterbildung, keine Gesinnungspr\u00e4gung, kein &#8220;formelles und materielles Abrichten&#8221;. &#8220;Nicht das Wissen soll angebildet werden, sondern die Person soll zur Entfaltung ihrer selbst kommen; nicht vom Zivilisieren darf die P\u00e4dagogik ferner ausgehen, sondern von der Ausbildung freier Personen, souver\u00e4ner Charaktere; und darum darf der Wille, der bisher so gewaltt\u00e4tig unterdr\u00fcckte, nicht l\u00e4nger geschw\u00e4cht werden [&#8230;] Man erdr\u00fccke [des Kindes] Stolz nicht, seinen Freimut.&#8221;<\/p><\/blockquote>\n<p>Obgleich ich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit behaupten kann, dass meine Eltern die zitierten Texte nicht kennen habe ich doch den Eindruck, dass die Motivation f\u00fcr den p\u00e4dagogischen Ansatz meiner Eltern nicht aus einer Laune heraus, sondern ganz im Gegenteil aufgrund einer direkten Auseinandersetzung mit den Praktiker*innen und Theoretiker*innen der 68er Bewegung entstand.<\/p>\n<p>Obwohl und weil meine Eltern beide aus konservativen Haushalten stammen, in denen h\u00e4usliche, physische und psychische Gewalt und Z\u00fcchtigung ein gelegentliches Mittel zum durchsetzen der Autorit\u00e4t der Eltern war, setzten sie sich zum Ziel, diese Methode nicht fortzusetzen, sie hatten wohl eine edlere Intention. Aber, nicht zu vergessen, sind auch meine Eltern nicht v\u00f6llig verschont von ihrer Vergangenheit, so schreibt <a href=\"http:\/\/www.lsr-projekt.de\/wrnega.html\">Laska<\/a> weiters, S\u00e1ndor Ferenczi zitierend:<\/p>\n<blockquote><p>Die bei jedem vorhandenen, verdr\u00e4ngten und durch die Verdr\u00e4ngung im Unbewussten &#8220;zu einem gef\u00e4hrlichen Komplex antisozialer und selbstgef\u00e4hrlicher Instinkte&#8221; gewordenen &#8220;Gedanken und Strebungen&#8221; k\u00f6nnten aber nur mit hohem Aufwand, &#8220;durch das automatische Wirken gewaltiger Schutzvorrichtungen unterdr\u00fcckt&#8230;werden, [d.h.] mit moralischen, religi\u00f6sen und sozialen Dogmen.&#8221; Diese irrationale Funktionsweise der Steuerung durch &#8220;unappellierbare Prinzipien&#8221;, argumentierte Ferenczi, sei zum einen ausgesprochen unzweckm\u00e4ssig und un\u00f6konomisch; sie bringe zum anderen, sehr viel Seelenqual und geminderte Genussf\u00e4higkeit mit sich.<\/p><\/blockquote>\n<p>Diese unappelierbare Prinzipien sind auch meinen Eltern anerzogen doch ich vermute, dass die Auseinandersetzung mit der 68er Bewegung und das Untersuchen einer schon vorher bestehenden Unzufriedenheit, sei dies \u00fcber Theorie oder \u00fcber gelebte Praxis, zu einem Abbau, einem Hinterfragen dieser gef\u00fchrt hat. Es stellt sich mir jedoch die Frage, was denn geblieben ist, was nicht gesehen wurde. Denn, wieder bei <a href=\"http:\/\/www.lsr-projekt.de\/wrnega.html\">Laska<\/a>:<\/p>\n<blockquote><p>Die massenhafte Reproduktion des Irrationalen, so Ferenczi weiter, geschehe durch den normalen Erziehungsprozess: &#8220;&#8230;ein <i>circulus vitiosus.<\/i>\u00a0 Das Unbewusste l\u00e4sst die Erwachsenen ihre Kinder unrichtig erziehen, [so]&#8230;dass sogar eine von edelsten Intentionen geleitete, unter den g\u00fcnstigsten Verh\u00e4ltnissen durchgef\u00fchrte Erziehung&#8221; Schaden stifte. Ferenczi schlug deshalb vor: &#8220;Der erste und wichtigste Schritt zur Besserung w\u00e4re &#8230; die Verbreitung der Kenntnisse \u00fcber die wirkliche Psychologie des Kindes.&#8221; Solcherart &#8220;Massenaufkl\u00e4rung&#8221; w\u00fcrde zur &#8220;Korrektur der infantilen Amnesie&#8221; f\u00fchren. Nun k\u00e4me der zweite Schritt: &#8220;Erst die so befreiten Menschen w\u00e4ren dann imstande, einen <b>radikalen Umsturz in der P\u00e4dagogik<\/b> herbeizuf\u00fchren und hierdurch der Wiederkehr \u00e4hnlicher Zust\u00e4nde f\u00fcr immer vorzubeugen.&#8221;<\/p><\/blockquote>\n<p>Und hier stehe ich nun, meiner Schwester und meiner Mutter bei ihrer gemeinsamen Arbeit, ihrem Erziehen der Kinder der besagten Schwester zusehend, und w\u00fcnsche mir, dass diese einmal die selben Fragen stellen werden, wie ich. Dass diese Kinder nicht mit einem einzigen Ideal, mit einer fixen Idee die sie fest h\u00e4lt, gro\u00df werden sondern voll in Besitz ihrer selbst und bem\u00e4chtigt, ihre <strong>eigenen<\/strong> Handlungen auch als solche zu verstehen. Dass sie Eigner ihrer selbst sind.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Warum steht meinem Begriff von Menschlichkeit, der auch das Leid huldigt und genie\u00dft, der den Schmerz feiern kann, ein Begriff gegen\u00fcber, der so irrational wohltuerisch ist, so utopisch Harmonievoll und vor allem so grenzenlos normativ?<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":3898,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[15,2,4],"tags":[37,76,372,387,420,642],"class_list":["post-3897","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-0-toleranz","category-deutsch","category-noahs-brains","tag-anarchie","tag-bernd-a-laska","tag-max-stirner","tag-moral","tag-padagogik","tag-wilhelm-reich"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.noahessl.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3897","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.noahessl.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.noahessl.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.noahessl.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.noahessl.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3897"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.noahessl.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3897\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.noahessl.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/3898"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.noahessl.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3897"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.noahessl.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3897"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.noahessl.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3897"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}