{"id":1976,"date":"2015-01-01T10:40:28","date_gmt":"2015-01-01T10:40:28","guid":{"rendered":"http:\/\/noahsmindfuck.wordpress.com\/?p=1976"},"modified":"2015-01-01T10:40:28","modified_gmt":"2015-01-01T10:40:28","slug":"geister-verwirrung-ankunft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.noahessl.com\/?p=1976","title":{"rendered":"Geister &#8211; Verwirrung &#8211; Ankunft"},"content":{"rendered":"<p>Ich lag da. Kurz vor Mitternacht. Wie schon die letzten harten Tage konnte ich nicht einschlafen. Es war sau kalt drau\u00dfen. Der Atem fror direkt an der Scheibe. Heute begann das Schie\u00dfen nicht weit entfernt. Leises, manchmal dumpfes Krachen. Immer h\u00f6her die Frequenz. Immer lauter. Vor Angst zitternd lauerten wir in unseren Verstecken. Wir hatten alle den selben Gedanken. Wenige Minuten sp\u00e4ter die ersten gro\u00dfen Gesch\u00fctze. Mehrfaches dumpfes Bollern, dort wo die einschlagen lebt nichts mehr. Schnelles Knattern zeigte uns, dass die Leute auch hier schon auf der Stra\u00dfe waren. Wir froren und f\u00fcrchteten uns. Andere k\u00e4mpften um ihr Leben. Das Jahr ist f\u00fcr die meisten schon vor\u00fcber.<\/p>\n<p><!--more-->&#8211; cut &#8211;<\/p>\n<p>Ich stehe in der U-bahn und mein Rucksack ist schwer. Zwei Fahrg\u00e4ste vor mir taucht aus dem nichts ein Fahrkartenkontrolleur auf. Ich hab noch eine Station zu fahren. Und keine Karte. Langsam steigt meine Nervosit\u00e4t. Ich wei\u00df, dass es sich ausgehn kann wenn die Kontrolle bei den anderen l\u00e4nger dauert. Als der Kontrolleur, er scheint mir hochgewachsen und m\u00e4chtig w\u00e4hrend mich mein Rucksack klein presst, mich erreicht, vermeide ich Blickkontakt. Just in dem Moment bremst die Bahn, so stark, dass ich in die Knie gehe. Ich werde zur Seite gedr\u00fcckt und h\u00e4nge f\u00fcr eine Sekunde schief da. Dann noch ein Bremsschub, meine verschwitzte rechte Hand l\u00f6st sich vom Metallgest\u00e4nge und mein K\u00f6rper baumelt zur Seite, immer auf den Kontrolleur zu. Mein Rucksack ist weg. Ich bekomme eine Halterung zu fassen und der Zug bleibt langsam stehen. Schon bevor irgend etwas gesagt wird f\u00e4hrt der Zug wieder an. Langsam rollen wir in Richtung Station. Der Kontrolleur grinst. Er sagt &#8220;28 Cent bitte&#8221;. Verwirrt versuche ich mir nichts anmerken zu lassen. Schnell fasse ich mich wieder und krame nach meinem Geldbeutel. Ich ziehe 2 M\u00fcnzen hervor die ich f\u00fcr genug halte und bemerke, als ich sie in seine H\u00e4nde fallen lasse, dass es ein Euro und ein 10\u00a2 St\u00fcck sind. Viel zu viel. Ich hoffe er kommt beim heraussuchen des Wechselgeldes nicht zu dem Schluss, dass er eigentlich nach einer Fahrkarte fragen h\u00e4tte sollen die au\u00dferdem 2,80\u20ac kostet. Ich bange darum, dass er nichts merkt. Ohne den Blick zu verziehen bedankt er sich f\u00fcr die M\u00fcnzen und stellt sich neben mich an die T\u00fcr. Noch ein paar Augenblicke und ich kann raus. Nur der Kontrolleur, er sieht mittlerweile j\u00fcnger und bei weitem nicht mehr so bedrohlich aus, steht neben mir. Sehr nah, er r\u00fcckt immer n\u00e4her. Dann legt er den Arm um meine Schulter. Fest dr\u00fcckt er mich an sich. Dann schaut er mich mit leicht paranoidem Blick an und l\u00e4sst leise verlauten: &#8220;Aber davon hab ich noch nichts!&#8221; Langsam wird mir klar, dass nicht nur ich hier am tricksen bin. Unf\u00e4hig aus der Umklammerung zu entkommen frage ich schleimerisch: &#8220;kann ich auch zum Automat geh&#8217;n und mir einfach ein Ticket kaufen?&#8221; Stille. Dann ziehe ich nochmal meinen Geldbeutel, finde dort meinen letzten 10er und reiche ihn dem Kontrolleur mit einem zwischen den Lippen rausgepressten &#8220;reicht ein 10er?&#8221; Dann spule ich zur\u00fcck. Stille. &#8220;Da muss ich aber zum Bankomat&#8221; sag ich vorsichtig, in der Hoffnung zu entkommen. Davon rennen oder so. Ich verlasse den Zug mit ihm. Wir gehen langsam den Bahnsteig entlang. Ich sehe einen Kartenautomat und \u00fcberlege hinzurennen, mir schnell eine Karte zu kaufen, und dann so zu tun als sei nix gewesen. Aber wir gehen z\u00fcgig vorbei. Dann biegen wir in den Raum vom Bankomat, ich steck langsam meine Karte rein und hebe Geld ab. Am Weg hierher hat sich der Kontrolleur nochmals ver\u00e4ndert. Er hat nun eine andere Frisur und eine nerdige Brille. Er kommt auf mich zu. Ich wei\u00df nur, dass ich nicht mein Geld, schon wieder vergessen wieviel ich abgehoben habe, verlieren will. Ich sto\u00dfe ihn weg. Er grinst. Ich dr\u00fccke ihn weg und drohe ihm mit Gewalt. Er grinst weiter und dr\u00fcckt sich an mich. Ich zwicke ihm in den Bauch und ins Kiefer, an den Stellen wo ich wei\u00df, dass es weh tut. Kurz schaut er irritiert, dann grinst er wieder. Ich lege ihm meine Hand aufs Gesicht und dr\u00fccke ihn so schwungvoll von mir weg, dass er zu Boden f\u00e4llt. Meine Hand dr\u00fcckt seinen Kopf auf den Boden. Dann drohe ich ihm, wenn er mir folge w\u00fcrde dies schlimm f\u00fcr ihn ausgehen. Er liegt am R\u00fccken und grinst so abwesend, dass ich nicht unterscheiden kann, ob er geistig behindert ist oder einfach bl\u00f6d. Ich sp\u00fcre Reue aufkommen. Habe ich ihn verletzt? Dann spute ich mich jedoch, gehe zum Fahrkartenautomat und dr\u00fccke mit eine Karte runter. Kurz verwirrt bin ich \u00fcber die drei verschiedenfarbigen 10\u20ac Scheine die ich in meiner Geldb\u00f6rse habe. Aber egal. Die Fahrkarte kommt inklusive Wechselgeld raus. Obwohl ich nur einen 10er reingesteckt hatte kamen drei Zehner als Restgeld raus.<br \/>\nIch war eigentlich unterwegs nach Hause. Ich war auf einer sehr langen Reise, bin es noch. Ich kann es gar nicht erwarten heimzukommen, wieder bei ihr zu sein. Zu geniessen. Aber das Geld ist knapp. Und der weg noch weit.<br \/>\nAlso kaufe ich noch eine Fahrarte, vielleicht bekomm ich ja auch diesmal mehr retour. Hinter mir tritt ein Mann nervoes von einem Bein aufs andere und r\u00e4uspert sich. Ich muss mich beeilen. Noch eine Karte. Diesmal kommen zwei 100er mit raus. Scheinbar hat der Automat eine Fehlfunktion. Meine Gier \u00fcberkommt mich, noch eine Karte, vier Hunderter retour, nochmal, nochmal. Hinter mir stehen schon drei Leute, ich hoffe sie k\u00f6nnen im Halbdunkel nicht sehen was ich mache. Es kommt ein A4 Zettel mit Erlagschein beim n\u00e4chsten Schub 100er mit raus. Ich Pack also die ganze Kohle, schlage sie in das A4-Papier ein und gehe zur Seite. Das Papierkuvert kommt in meine linke Anzuginnentasche. Dann h\u00f6re ich den Kontrolleur von vorhin aus der Ferne rufen. Ohne mich umzudrehen renne ich los. Durch den dunklen Bahnbof, mehrmals ums Eck, dann bin ich auf der Strasse. Unauff\u00e4llig gehe ich nun weiter, langsam vom Bahnhofsgel\u00e4nde weg. Ich weiss noch nicht, dass ich nun auf sehr leisen Pfoten unterwegs sein werde, dass ich darum k\u00e4mpfen werde, wieder in diesen Bahnhof zu kommen. Dass ich in einen Fluss fallen und dort eine Frau treffen werde. Und dass ich beim Versuch weiter und zu ihr zu fahren vom Milit\u00e4r aufgehalten werde. Gefilzt werde. Ausgefragt. Aber sie haben nichts gegen mich in der Hand. Nicht in diesem Traum.<\/p>\n<p>&#8211; cut &#8211;<\/p>\n<p>Sterne stehen am dunkelblauen Winterhimmel. Es ist Nacht. Eigentlich nicht, weil erst 18 Uhr am Abend, aber es ist Winter, drum ist es schon finster. Die Ski an den F\u00fcssen ziehen wir unsere Spur durch den beinahe knietiefen Schnee. Halbmond. Halbmond bedeutet bei klarem Himmel, dass der Schnee so hell leuchtet, dass selbst unsere Stirnlampen dagegen nicht ankommen. Die -15 Grad Celsius werden vom inneren Feuer und der Anstrengung vertrieben. Schwei\u00df rinnt. W\u00fcrde ich die Jacke nun ausziehen w\u00fcrde ich dampfen als h\u00e4tte ich gerade in Brand gestanden. Stille. Kein Laut dringt durch die verschneiten W\u00e4lder als das Klicken unserer St\u00f6cke wenn sie unter dem frischen Schnee auf Stein sto\u00dfen und dem Rauschen der Felle die durch den Schnee ziehen. Wenn wir stehen und die Luft anhalten wird die Stille zu einem Druck, so lautlos ist sie. Nebelschwaden fetzen unter dem Mond durch. Da oben geht ein Sturm. Wie von Geisterhand verlieren im Schatten der Nebelwolken alle Konturen ihren Halt. Wo zuerst noch eine Strasse war, Schneebedeckt mit Spuren von Tieren drauf, mit Schatten von B\u00e4umen die Distanz wahrnehmbar machen verschwindet alles sobald das Mondlicht vergeht. Die graue, kontrastfreie Ebene vor uns wirkt endlos. Mit jedem H\u00f6henmeter steigt die Schneeh\u00f6he. Mit jedem Schritt die Einsamkeit, mit jeder Kurve die Abgeschiedenheit von W\u00e4rme. Und trotzdem f\u00fchle ich geborgen und wohl.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.noahessl.com\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/dsc04114.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" size-medium wp-image-1980 alignleft\" src=\"https:\/\/blog.noahessl.com\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/dsc04114.jpg?w=300\" alt=\"SONY DSC\" width=\"300\" height=\"168\" \/><\/a> <a href=\"https:\/\/blog.noahessl.com\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/dsc04131.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" size-medium wp-image-1981 alignright\" src=\"https:\/\/blog.noahessl.com\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/dsc04131.jpg?w=300\" alt=\"SONY DSC\" width=\"300\" height=\"168\" \/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich lag da. Kurz vor Mitternacht. Wie schon die letzten harten Tage konnte ich nicht einschlafen. Es war sau kalt drau\u00dfen. Der Atem fror direkt an der Scheibe. Heute begann das Schie\u00dfen nicht weit entfernt. Leises, manchmal dumpfes Krachen. 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