Müde dringen meine Gefühle verschnörkelt und verständigungswiderständig an meine Oberfläche.
Als ich heute morgen losgefahren bin ist die Sonne so hell leuchtend aufgegangen und hat durch die Zwischenräume zwischen den Wolken ihren unzerbrechlichen Optimismus verkündet. “Leuchte!” rief sie mir zu, und meine Freude sprang in Richtung der endlosen Tiefe am Himmel, ins hellblau, da wo die letzen Rottöne des Morgens sich in zartem Pink verloren. Ich habe alle meine Ich’s fest umarmt und freue mich nun als kuschelnder Haufen meiner Einzelteile auf die Begegnung mit dir.
Heute hab ich ganz viel Auto Auto Auto Auto gemacht. Ich bin damit gefahren, habs eingeladen, ausgeladen, eine Hebebühne hoch und runtergefahren, habs mit ner Flex zerschnitten, mit stinkender Flüssigkeit eingepinselt, mit nem Hammer gehaut, mit ner Zange verbogen, mit ner Bürste geschrubbt und mit Schraubenschlüsseln dran gedreht.
Es hat geraucht, gefunkt und gekleppert, es hat auch ganz laut gekreischt und gequietscht, geknallt und geknistert und gebrutzelt. Gepengt und geraschelt hats, gestungen und es war sehr hell und staubig, glühend heiß und so kalt, dass mir die Finger weh getan haben. Ich bin gesessen, gelegen, gestanden, gesprungen und geklettert und hab mir manchmal die Augen zugekniffen und die Luft angehalten.
Ein aufregender Tag.
Ich wurde mit Kaffee beschenkt und mit Süßgebäck. Ganz toller Spinat ist für mich gekocht worden und Kartoffeln, und Eierspeis. Und Milchbrötchen mit hausgemachter Marmeldade wurde mir zu schokoladeübergossenen Lebkuchen gereicht, während ich an einer scheinbar niemals leer werdenden Tasse Kaffe genippt habe. Umarmt wurde ich, Witze wurde mit mir gemacht und ganz von Herzen hab ich von 3 Menschen sehr stark vertrauensbildende Komplimente bzw. Lob bekommen.
Was für ein Tag.
Die Sonne durfte ich aufgehen sehen, und den Mond auch. Ins Gesicht hat sie mit gepinkelt, mit ihren gelben, warmen Herbststrahlen (hmm…. verzeih mir diese komische Referenz, das hat in meinem Kopf grad intuitiv zusammen gepasst und dann wollt ichs dir nichtmehr vorenthalten). Die Blätter sind, mal einsam und mal in großen Flocken, von den Bäumen gekracht und die Hühner haben die Köpfe in die frisch gescharrte Erde gesteckt. Es ist viel geflogen und hat gepiepst, geflattert und gekrächzt, sogar ein ungläubig noch das überraschend lange Leben genießendes Wespchen hat sich aus einem Holzkorb bemüht und ist weggebrummt.
Ein lebendiger Tag.
Die Funken sind geflochen, pfeifent und fauchend aus dem explodierenden, flüssigen Metall, knallend in kürzestem Takt, prickelnd über den Boden schnellend und in immer kleinere Glühkörperchen zerfetzend sind die Schweißkügelchen um mich herumgesprungen und haben ihren Feuertanz, der sie am Leben hält, bis zum Ende getanzt, wo sie kalt, grau und winzig klein sich nun verkrümeln, als kleines Eisenkügelchen um großen Haufen Schmutz, den wir zusammengefegt haben. Was für eine Abstieg.
Ein verrückter Tag.
Und doch hab ich die ganze Zeit immer wieder an dich gedacht.
Ich hab dich im Morgen, als ich aus dem Haus bin, beim Laufen imaginiert.
Beim Warten auf die andere*n sah ich dich vor deinem Computer sitzen und arbeiten.
Als ich dann im Auto durch die Gegend fuhr hast du in die Sonne geschaut und dich gefreut.
Und während ich gehämmert und gewütet habe bist du durch Wälder und über Wege und Straßen geradelt und spaziert.
Ich sah dich auf einer Bank beim Tee trinken und in Bewegung in einem sehr anregenden Gespräch.
Und immer wollt ich dir winken, dir hallo sagen, dich grüßen.
Dann hab ich aber gedacht, ich bleib mal kurz bei mir. Bis ich dir jeweils wieder begegnet bin.
Es war jedes mal aufs neue überraschend und schön.
Es ist toll, dir zu begegnen.
Jetzt bin ich schon den dritten Tag hintereinander aus der Stadt gefahren und mit jedem Mal steigt mein Wunsch, dich zu schnappen und dich mit dieser herbstlichen Schönheit zu verführen. Ich exerziere deinen von mir imaginierten Wunsch nach Ausbruch, hier ins vielfache, wo die Farben sich streiten und die kleinsten Geräusche miteinander um Anerkennung konkurrieren – in Abwesenheit der Auto-, Menschen- und Zivilisationsgeräusche.
Hier wirft kein Haus einen Schatten und die Rehe streunen über weite Felder. Sowohl der Horizont ist da, als auch der weiche, erdige Boden, ganz ohne Asphalt und Beton erscheint mir die Welt gleich einen Hauch lebendig, verschüttet wird dieser Gedanke nur vom Augen öffnen, sitz ich doch schon wieder im Zug, die Menschen, eingepackt in ihre variablen Plastikhüllen verkümmern genauso zu einer Oberfläche wie die Mobiltelefone, in die sie zärtlich wischend hinenhängen mit ihren Gehirnen.
Ich denk beim ins jetzt zurückkommen an deine Berührung und glaube ganz stark an deren Antivirtualität, so greifbar kann erleben sein, so greifbar ist Leben. Wie das Gegenteil der bewusst absoluten und unbedingt zu verteidigenden Ja-Nich-Berührtheit der Körper hier in der schnellen Eisenkiste. So nah, und doch so fern, bildet sich die Sehnsucht ab, werden alle Körper gleich und anfühlsam, sehne ich mich an alle dran, mir vormachend, dass du da drin seist, in dieser Haut. Du. Und die anderen. Alle lieben und nahen.
Sollen die esoterischen doch glauben was sie wollen, in meinen Emotionen sind wir, und seid ihr, alle eins. Der Körper, über Berührung wird die Zusammenheit erschaffen, und dort überkommt mich das Leben, das lebendige Leben, mit allen Gefühlen gewaschen und umspült.
Wo bist du? – Versuche ich zu begreifen
Wer bist du? – bist du denn überhaupt – und bin ich?
Verschmolzen im Traum des Gemeinsamen verliere ich dich, und mich, bin ich wieder ganz alleine und ängstlich, am absterben vor Einsamkeit.
Vielleicht ist es doch besser, wenn wir nicht alle eines sind. Dann hat mein Wunsch nach dir wieder Berechtigung und ich darf echt sein.
Es rauscht die Welt so richtig schnell dahin
sie geht an, sie geht aus, wie ein Fahrradlicht mit Wackelkontakt, am Heimweg, betrunken über die Pflasterstraße.
So scheppert es, hell – dunkel – hell – dunkel hell – hell – dunkel hell dunkel
Wie ein Wasserfall, wie eine überdimensionierte Dusche aus der die Zeit heraus rinnt
so strömt es über mich hinweg, das heute, das morgen, das gestern
so viel Zeit vergeht in so kurzer Zeit, alles ist schnell
rasend.
Wann haben wir uns das letzte mal gesehen? War das vor einem Monat? Oder so?
Gestern ist eine komische Kategorie, das wir der Echtheit kaum Gerecht
Ich suche die Vergangenheit, und ich sehe sie, weit ist sie weg
Bin ich so schnell oder ist es das außen
kann ich mir Zeit nehmen, oder nimmt sich die Zeit mich
Blickkontakt – da ist wieder dieses Blinzeln, hier ist sie, weg ist sie
und so braust die Welt auf mich ein
Das ist schon sehr fremd.
Oder bin ich das – fremd?
Alles rennt
alles rennt
alles fremd
Aufblitzen
und wieder weg
hier
fort
und dazwischen das Rauschen
das der Geschwindigkeit
nicht ein Tinnitus der Überforderung
sondern das ganze Erfahren der vorbeiziehenden Zeit
so stark kann ich das spüren.
to be continued…
